Nachhaltigkeit als Unternehmens-Leitgedanke - Innenansichten mit Wildling Shoes-Gründerin Anna Yona

Titelbild: Sarah Pabst 

 

Die Wildling Shoes GmbH wurde 2015 von Anna und Ran Yona in Engelskirchen gegründet. Das Unternehmen hat sich auf die Herstellung von Minimalschuhen aus Bio-Baumwolle, Hanf, Leinen, Wolle und Washi spezialisiert. Die Materialien stammen weitgehend aus Deutschland und Europa, den speziellen Washi-Stoff bezieht Wildling aus Japan. Die Produktion findet per Hand in Portugal statt, wodurch in Europa kurze Transportwege gesichert werden können. 

 

“Wir wachsen bewusst in Grenzen“


Neulich war ich zu Besuch bei Marco Scheel, dem Gründer von Nordwolle. Er fertigt in Mecklenburg-Vorpommern auf einem alten Gehöft tolle warme Jacken aus der Schurwolle des Pommernschafs – einer grauen Landschafrasse, die auf den Hügeln seiner alten Heimat Rügen grast. Was Marco macht, imponiert mir total: Er nutzt genau das, was da ist – vor der Haustür. Warum Wolle aus Neuseeland importieren? Und den bestens geeigneten deutschen Rohstoff verbrennen? Denn genau das ist früher mit der Wolle des Pommernschafs passiert.


Marco ist ein absoluter Macher und entschlossener Veränderer. Nicht nur ein imponierendes Rolemodel, was grüne Unternehmensführung angeht, sondern inzwischen auch unser Lieferant. Nutzen, was da ist. Lokale Wertschöpfung aufbauen, um irrsinnige Transporte zu vermeiden und erst recht die Logik von Fast Fashion zu brechen. Polyester-Outdoorjacken nennt Marco in seinem trockenen Humor gerne mal „Mülltüten“.


Auch in Wildling Shoes steckt viel Nordwolle, tatsächlich und im Geiste. Wir sind 2015 im kleinen Engelskirchen gestartet mit dem Ziel, Minimalschuhe aus Naturmaterialien für unsere Kinder zu entwerfen. Was es zu kaufen gab, gefiel uns nicht. Also selber machen, als völlige Laien. Dass wir hohe ökologische Standards an unsere Produkte, aber auch Arbeitsmethoden anlegen würden, war uns sonnenklar – und musste auch nicht verhandelt werden. Mein Mann Ran und ich waren ja allein verantwortlich. Wer sollte uns zwingen? Investoren lehnen wir ab. Die Volksbank und Crowdfunding-Freunde standen uns zur Seite.

Foto: Sandra Dienemann 


Im Kern ist unsere Haltung heute identisch, auch wenn sechs turbulente Jahre hinter uns liegen. Wir mussten mehrmals innehalten, um zu verstehen, was gerade abgeht. Und uns klarmachen: Wir wollen nicht über alle Maßen wachsen, auch wenn die Nachfrage da wäre: Unsere bewusst limitierenden Faktoren sind die Teamkapazität, unser Anspruch an Qualität und Service und – besonders wichtig – die natürlichen Ressourcen. Wir haben uns mit Blick auf die Rohstoffe für unsere Schuhe zum Ziel gesetzt, dass bis 2025 alles aus regenerativer Landwirtschaft oder dem Recycling kommen muss. Konkret: Wenn wir eines Tages alle Wolle von Schafen aus Beweidungsprojekten abgegrast hätten, dann wären wir fertig. Zugegeben: Das Szenario ist unwahrscheinlich. Aber: Wir wachsen bewusst und in Grenzen.


Wir sind heute 250 Wildlinge, das selbstgewählte Homeoffice ist das Prinzip unserer Zusammenarbeit. Familienbetriebe in Portugal produzieren nach unseren Vorstellungen und zu fairen Konditionen die Minimalschuhe. Unsere Schuhe sollen helfen, unsere Körper zu regenerieren, Freude an natürlichen Bewegungsabläufen wiederzuentdecken und uns mit unserer Umwelt zu verbinden. Den Boden zu spüren, der uns trägt – das ist der unmittelbare Nutzen. Unsere Schuhe ermöglichen Regeneration – aus dieser Idee ist Wildling entstanden.


Heute denken wir Regeneration in viel größerem Kontext. Der Begriff ist zu unserer Mission geworden. Denn je mehr wir gewachsen sind, umso drängender stellte sich uns die Frage: Wofür überhaupt? Wir haben viel darüber diskutiert – und sind zum Ergebnis gekommen, dass Wachstum für uns nur Sinn ergibt, wenn es einem höheren Ziel dient: als Katalysator einer notwendigen ökosozialen Veränderung. Wir wollen über den Produktnutzen hinaus Wirkung entfalten – und stemmen uns gegen Klimawandel und globale Ungerechtigkeit. Dem Vorbild der Natur folgend übertragen wir den regenerativen Effekt unseres Produkts auf unser Unternehmen und dessen ökonomische Aktivität. Unser Ziel: Wir wollen nicht nur Schaden minimieren, wir wollen bei jedem Schritt, den wir machen, einen positiven Einfluss hinterlassen. Regeneration eben.


Foto: Sarah Pabst


Damit es zum Wandel kommt, haben wir uns bis 2031 konkrete Ziele gesteckt – und lassen uns an ihnen auch messen. Wir sichern binnen zehn Jahren 500.000 Hektar Fläche für Zwecke der Renaturierung und/oder regenerative Landwirtschaft. Wir investieren 50 Millionen Euro in Klimaschutzlösungen, eine noch nachhaltigere Lieferkette und alternative Arbeitsmodelle. Und wir vernetzen über unsere Community 100 Millionen Menschen, um gemeinsam zu lernen, einander zu inspirieren und zur Fähigkeit zum Wandel zu ermutigen. Damit alle Wildlinge wissen, was dafür konkret zu tun ist, brechen wir diese Mission im ständigen Dialog für jedes Teammitglied in übersichtliche Teilziele herunter. 

 

Eine Mission zu haben, empfinde ich als große Erleichterung. Denn nun weiß ich: Ja, wir können und wollen Geld verdienen. Unser eigenes Gehalt ist gedeckelt. Wir investieren das Geld sofort wieder in Kreislaufwirtschaftstechnologien, ins Team oder in regenerative Landwirtschaft. Unter Einhaltung dieser Investitionsstrategie gilt also die Gleichung: mehr Geld, mehr Impact. Also mehr Möglichkeiten, die Welt ins Lot zu bringen – Schritt für Schritt.

Foto: Sandra Dienemann


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